Schwejk it easy !


von Markus Zeller (Juni 2001)



Foto: (c) A. Kent

Am 19. Mai 2001 war wieder Uraufführungszeit im Theater des Westens: Mit Schwejk it easy! präsentierte Elmar Ottenthal die Nachfolgeproduktion von „FMA“. Das Berliner Werk über den österreichischen Popstar hat sich mit über 190.000 Besuchern und einer durchschnittlichen Auslastung von 77,9 % sowie einem Umsatz von 11,3 Millionen DM inzwischen zu einem echten Hit-Musical entwickelt. Dieser Überraschungserfolg ermöglichte dem Theater des Westens einen Rückzug aus der Schusslinie der Berliner Kulturpolitik und dem neuen Intendanten eine Verschnaufpause im Kampf um Budgets und Verträge mit ehemaligen Orchesterangestellten. Während er seinen Musterschüler „FMA“ auf die Reise nach München, Graz und Leipzig geschickt hat, beordert er an der stürmischen Heimatfront einen neuen Helden auf die Bühne an der Kantstraße. Unterstützt wird er dabei von Liedermacher-Legende Konstantin Wecker. Ein medienwirksamer Schachzug des Musical-Strategen, um die zweite Uraufführung im Rahmen seiner Intendanz zu präsentieren und mit Schwejk it easy! seine in Aachen begründete Tradition der Sommerproduktionen wieder aufleben zu lassen.


Foto: (c) Wolfgang Hilse

Basierend auf Jaroslav Haseks 1926 publizierten Schelmenroman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, dem meistübersetzten Buch der tschechischen Literatur, schuf Ottenthal eine eigenständige Version des Schwejk´schen Themas: Schwejk it easy! beginnt in der Prager Kneipe „Zum Kelch“. Dort erfährt Schwejk von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie, worauf er sich voller Pietät bei der Wirtin Dienstbier ein dunkles Bier bestellt. In Anbetracht dieses Affronts und anderer politischer Unkorrektheiten ist es nur eine Frage der Zeit, bis Schwejk Ärger mit dem dienstbesessenen Brettschneider bekommt. Eine daraufhin angeordnete Untersuchung seines Geisteszustandes im Irrenhaus hat zum Ergebnis, dass Schwejk für „amtlich blöd“ erklärt wird. Angeführt vom herbeigeeilten GoGo-Man begibt sich der listige kleine Held auf eine historische Reise, die ihn mit dem Prager Fenstersturz, den Knechtschaftsverhältnissen in der Gründerzeit, dem Rüstungswahnsinn, einem Überwachungsstaat, dem Niederschlag des Prager Frühlings sowie mit der Herrschaft durch die Börsianer in unserer Konsumgesellschaft der Neuzeit konfrontiert. In all diesen Gesellschaftsformen bleibt er aber stets seiner subversiven Grundeinstellung treu und lehnt sich unter dem Deckmantel des Blöden gegen jede Form von Obrigkeit auf. Zwischendurch darf er auch zarte Bande mit Aninka binden, die ihn auf seiner Reise begleitet. Nach all seinen Erlebnissen bleibt ihm die Erkenntnis, dass sämtliche gesellschaftspolitischen Ansätze von den jeweils Mächtigen bestimmt sind, gegen die man sich gemäß seinem Motto zur Wehr setzen muss, um auch in der Zukunft überstehen zu können: „Verschwejkt unsre Welt“.


Foto: (c) Wolfgang Hilse

Wer eine Umsetzung der Literaturvorlage auf der Musicalbühne erwartet, ist fehl am Platze. Dies ergibt sich bereits aus der zuvor skizzierten Inhaltsbeschreibung. Mit „Schwejk“ hat Schwejk it easy! nicht mehr viel zu tun. Elmar Ottenthal hat eine schrille Nummern-Revue inszeniert, die sich nur vom Prolog bis zur Irrenhaus-Szene der Vorgabe verpflichtet fühlt und danach völlig losgelöst ihr Eigenleben entwickelt. Herausgekommen ist ein waschechtes unterhaltsames Musical, das fast ohne Sprechpassagen auskommt. Wenn da nur nicht die Handlung wäre, die die „Song and Dance“ - Szenen zusammenhalten muss. War die Dramaturgie schon bei „FMA“ der einzige Schwachpunkt, so muss hier leider Fehlanzeige gemeldet werden. Mit dem Auftritt des GoGo-Man reißt der Handlungsfaden gnadenlos ab und das Stück driftet in eine unverbindliche Aneinanderreihung von Szenen zum vorgegebenen Thema ab. Konzeptionell ursprünglich als Volksoperette geplant, ist Schwejk it easy! in dieser Fassung ein Musical ohne Libretto. Überreste der Grundidee findet man noch im Prolog sowie in der Szene „Ich bin das Stubenmädel“, das durch ein originelles Hunde-„Ballett“ auf sich aufmerksam machen kann. Inzwischen geht es bei Schwejk it easy! ausschließlich um Show, Show und nochmals Show.

Hinsichtlich der Inszenierungsideen hat sich Regisseur Elmar Ottenthal kräftig von anderen Werken inspirieren lassen. Am auffälligsten verhält sich die Flower-Power-Hymne „Standing up for Liberty“, mit der die Zuschauer in die Pause entlassen werden. Die Anleihe bei „Joseph“ ist allzu offensichtlich, sogar die dramaturgische Platzierung der Szene am Ende des ersten Aktes wurde übernommen. Neben der gut wiederzuerkennenden Feile aus „Elisabeth“ gibt es außerdem noch ein bisschen „A Chorus Line“ sowie Mitteilungen über die innere Befindlichkeit durch die Protagonisten per Kreide auf einer Tafel. Letzteres sei ihm allerdings verziehen: Bei sich selbst, in diesem Fall bei „Blood Red Roses“, darf man sich bedienen. Ansonsten ist Schwejk ist easy! von einem gewohnt abstrakten Inszenierungskonzept geprägt, das zwar die Lesbarkeit eines Stückes einschränkt, jedoch für großartige Bilder sorgt. Seine szenischen Auflösungen sind immer wieder originell, außerdem ist es seiner Regie zu verdanken, dass das Stück trotz fehlender Dramaturgie niemals langweilig wird. Sein Auftrag für Michael Korth und Peter Blaikner lautete vermutlich: „Take it easy! bei Schwejk it easy!“. Die beiden Autoren katapultieren Schwejk aus seiner kleinen böhmischen Welt heraus und konfrontieren ihn mit historischen sozialen Ungerechtigkeiten sowie aktuellen Frustrationen der Neuzeit. Die hierfür angewandte dramaturgische Klammer wirkt jedoch zu bemüht und kann nicht überzeugen. Die Figur des Schwejks in dieser Variante eignet sich nicht als Protagonist eines Musicals, da sie selbst keinerlei Entwicklung erfährt. Schließlich lebt das ganze Stück davon, dass Schwejk sich selbst treu bleibt und dabei von vermeintlich wichtigen Leuten nicht so einfach aus der Reserve zu locken ist. Um dies zu erreichen, wurde ihm Aninka hinzugeschrieben, diese macht jedoch ihre sexuellen Grenzerfahrungen mit einem plötzlich zum Lustmolch mutierten Brettschneider. In vergleichbaren Werken wie „Freudiana“ oder „Gaudi“ war der Stichwortgeber für die Showszenen zumindest mit einer eigenen Handlung bedacht. So wurde bei "Freudiana" das gleiche Problem eleganter gelöst, indem man nicht Freud persönlich mitspielen ließ, sondern einen Protagonisten abstrakt mit Motiven der eigentlichen Titelfigur konfrontierte. Schwejk dagegen hat im Rahmen der Handlung keine dramatische Auseinandersetzung mit anderen Personen und darf die jeweiligen Situationen nur in der für ihn typischen Art und Weise kommentieren. Daneben erscheint die Botschaft der „Verschwejkung“ unserer Welt zu konstruiert und vermag nicht zu greifen.


Foto: (c) Wolfgang Hilse

Darunter leidet natürlich auch die Präsenz des Hauptdarstellers Peter Fröhlich, der sich redlich um Aufmerksamkeit bemüht und darstellerisch wirklich alles hervorholt, was seine Rolle hergibt. Allerdings scheint auch ihm bewusst zu sein, dass er auf der Bühne angesichts der Show-Maschinerie manchmal einfach nur stört. Schade, ein erfahrener Darsteller, dessen großes Potenzial hier ungenutzt verstreicht. Die heimliche Hauptrolle von Schwejk it easy! übernimmt Nadine Hammer als Aninka, eine Rolle, die im zugrundeliegenden Buch überhaupt nicht vorkommt. Ihr gehören die wirkungsvollsten Auftritte, in denen sie gesanglich und darstellerisch jederzeit überzeugen kann. Von der eingefrorenen „entmannten“ Person bis zur lustvollen dominanten Frau reicht ihr facettenreiches Spiel, während sie ihre Songs glasklar intoniert. Für Nadine Hammer könnte sich Schwejk it easy! als endgültiger Durchbruch erweisen. Dieses Schicksal wird Michael Knese, der den GoGo-Man darstellt, nicht vergönnt sein, hat man doch bei seiner Rollenfigur den Eindruck, als sei sie für Rafi Weinstock entwickelt worden, nur dass man vergeblich nach dem Namen des früheren Weggefährten Ottenthals in der Besetzungsliste sucht. Allerdings versteht er es sehr gut, die konstruierte Rolle des narzisstischen Demagogen mit Leben zu erfüllen. Dabei hat er seine großen Showszenen stets im Griff und überzeugt nebenbei durch akrobatisches Können. Sissy Staudinger zeichnet die Rolle der drallen Wirtin Dienstbier wie die einer überspitzen Comic-Figur und besticht durch eine punktgenaue Interpretation ihrer Gesangsnummern, während Hans Alberts mit dem Part des Brettschneider eine nachvollziehbare Studie über die ewig deutschen Themen „Pflichterfüllung“ und „Gehorsam“ gelingt.


Foto: (c) Wolfgang Hilse

Musik und Songtexte stammen von Konstantin Wecker. „Gestern habns an Willy daschlogn, und heit, und heit, und heit werd a begrobn.“ Wer bisher nur diese Textzeile mit dem leidenschaftlichen Liedermacher in Verbindung bringen konnte, muss zukünftig umdenken: Nach den beiden „Jim Knopf“ - Kindermusicals und dem am Theater Heilbronn uraufgeführten "Minna.Musical" präsentiert Konstantin Wecker mit Schwejk it easy! ein weiteres Musical und etabliert sich damit zunehmend in der Branche. Seine Partitur für die Geschichte des subversiven Querdenkers aus Prag bietet eine bunte Palette von eingängigen Kompositionen, die von Rock über Funk bis zu eindrucksvollen Chorälen reicht. Daneben gibt es die für ein Musical typischen Balladen. Dass er für Schwejk it easy! auch frühere Songs verarbeitet, erscheint angesichts solcher Resteverwertungen wie „Mamma Mia!“, „Gambler“ oder „Tanz der Vampire“ durchaus im Trend und unschädlich zu sein. Viel wichtiger ist beim Musical, dass die Songs in ihrer Bühnenumsetzung funktionieren, und dieses Kriterium erfüllen sie alle. Wunderschön ist ihm das „Liebeslied im Alten Stil“ gelungen, während sich „Irgendwie krank“ als der Showstopper im ersten Akt erweist. Auf die geplante Veröffentlichung der CD-Einspielung darf man gespannt sein. Leider kann nicht die Erwartungshaltung befriedigt werden, die dadurch geschürt wurde, dass die Promotion für das Musical über den böhmischen Querulanten eng mit der Person des „Outlaw“- Liedermachers verknüpft wurde. Wecker sagte nicht „Nein“ zu bestehenden Musical-Konventionen, sondern bediente diese anscheinend sogar mit Freude und schuf Lieder mit hohem Wiedererkennungswert und dem in dieser Kunstform üblichen Aufbau. Das progressivere Musical des multimedialen Künstlers läuft derzeit in Heilbronn. Nur manchmal blitzt der „echte“ Wecker durch die bunte Glitzerwelt hervor und macht neugierig auf mehr. Welch theatralische Qualität seine Musik haben kann, zeigt die Szene „Sexual Correctness“, in der die Musik die treibende Kraft ist und einen ungeheuer intensiven Eindruck hinterlässt.


Foto: (c) Wolfgang Hilse

Wie nicht anders von Ottenthals Inszenierungen gewohnt, liefert das kreative Team die nötigen Voraussetzungen für einen unterhaltenden Musiktheaterabend. Die gefällige Choreografie von Petra Schulz und Danny Costello, der den TdW-Besuchern noch als Ensemblemitglied von „Chicago“ und „FMA“ bekannt ist, bezieht oft sämtliche Darsteller ein und nutzt somit optimal die bestehenden Ressourcen. Die Kostüme von Andrea Kleber sind bunt, schrill und sexy und spannen einen Bogen von Madonna bis Lion King. Tondesign von Othmar Eichinger und Lichtdesign von Harald Frings sind perfekt und sorgen für einen hochwertigen Eindruck der Show. Ein besonderer Coup ist Ottenthal bei der Vergabe des Bühnenbilds gelungen: Durch die Ausschreibung eines internen Wettbewerbs an der Bühnenbildklasse der TU-Berlin konnte er wirtschaftliches Kalkül und frühzeitige Rekrutierung des Nachwuchses in Einklang bringen. Und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen: Monika Jocher und Annett Hunger schufen eine Bühne mit mehreren schrägen Spielebenen, die sehr geschickt das Sujet berücksichtigt und mit der Perspektive spielt, ohne jedoch die Darsteller in ihren Bewegungsabläufen einzuschränken. Die Musikalische Leitung obliegt Mary Adelyn Kauffman, von der auch die Chor-Arrangements stammen, während für die übrigen Arrangements Andreas Bicking verantwortlich ist.

Bei Schwejk it easy! handelt es sich also wie bei den früheren Arbeiten Ottenthals um eine abstrakt erzählte Show, die in produktionstechnischer Hinsicht glänzend präsentiert wird. Und doch ist auch eine neue Tendenz erkennbar: In der Konzeption scheint bereits ein möglicher Transfer des Werkes an andere Spielorte berücksichtigt. Die gesamte Show wird mit nur 11 Darstellern bestritten, und der Personalaufwand im Orchestergraben wurde bereits für „FMA“ erheblich reduziert. Durch diese Politik wird das Risiko der Entwicklung eines neuen Stoffes kalkulierbar. Bleibt abzuwarten, wie das Berliner Publikum auf das extravagante Musical reagiert.

Angesichts der dramaturgischen Ungereimtheiten müsste man bei dogmatischer Betrachtung Schwejk it easy! als misslungen betrachten, zu unausgegoren und unstimmig stellt sich die Geschichte über den seiner Zeit entrückten Schwejk dar. Mit diesem Urteil würde man dem Werk allerdings nicht gerecht werden, handelt es sich doch hierbei um eine in fast allen Bereichen hochklassige Produktion, die den Zuschauer zu unterhalten vermag. Schwejk it easy! versprüht die Leichtigkeit eines Sommerabends, für dessen Gestaltung das Werk anscheinend auch gedacht ist: Eine bunte „Song and Dance“ - Show, eingängige Melodien, eine großzügig angelegte Pause, die nach draußen einlädt sowie eine Besetzung, die dem Publikum bestes Entertainment bietet. Bis zum 22. Juli 2001 haben Sie noch Gelegenheit, sich vom Leitgedanken des ansonsten so ernsthaften Komponisten überzeugen zu lassen: „Der Schwejk soll in erster Linie Spaß machen.“


Foto: (c) Markus Zeller